{"id":1060,"date":"2011-12-16T03:12:08","date_gmt":"2011-12-16T01:12:08","guid":{"rendered":"http:\/\/berta-online.org\/?p=1060"},"modified":"2011-12-16T03:19:16","modified_gmt":"2011-12-16T01:19:16","slug":"statement-zur-veganfach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/berta-online.org\/?p=1060","title":{"rendered":"Statement zur Veganfach"},"content":{"rendered":"<p>Wir haben uns dazu entschieden, mit dem uns angebotenen Stand auf der Veganfach nicht im herk\u00f6mmlichen Sinne teilzunehmen, sondern den Raum daf\u00fcr zu nutzen, unsere Kritik an der Messe zu formulieren und eine herrschaftskritische Position einzubringen.<\/p>\n<p>Wir haben dieses Schreiben angefertigt, um uns bez\u00fcglich der Veganfach zu positionieren und eine kritische Auseinandersetzung mit dem gegenw\u00e4rtigen Diskurs um Veganismus sowie die Verwobenheit und Sichtbarmachung verschiedener Ausbeutungs- und Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnisse  anzuregen und somit auch der einseitigen Auseinandersetzung mit dem Thema Tierausbeutung und Veganismus den R\u00fccken zu kehren.<\/p>\n<p>Wir verstehen unsere Politik darin, aktiv gegen herrschaftsf\u00f6rmige Diskurse und ausbeuterische Verh\u00e4ltnisse in unserer gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft vorzugehen. Das hei\u00dft unter anderem, dass wir uns explizit gegen das kapitalistische Wirtschaftssystem, gegen den heteronormativen, rassistischen und sozialchauvinistischen Alltag von Ausgrenzung, Ausbeutung, Abschiebung, Diskriminierung, \u00dcberwachung, Stigmatisierung und Verfolgung stellen. Der Fokus unserer politischen Arbeit liegt dabei auf Tierbefreiung. Wir sehen diesen einen Aspekt aber niemals losgel\u00f6st von der Auseinandersetzung mit anderen Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnissen und nehmen es damit auch nicht in Kauf, dass Politik f\u00fcr ein angeblich gleiches Ziel (hier: die unterstellte Beendigung von Tierausbeutung) auf dem R\u00fccken anderer Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse ausgetragen wird, bzw. sich dieser sogar bedient wird, um das vermeintlich gleiche Ziel zu erreichen.<\/p>\n<p><b>Kritikpunkte an der Veganfach<\/b><\/p>\n<p>F\u00fcr uns ist die Veganfach aus mindestens zwei Gr\u00fcnden eine Veranstaltung, die mit tierbefreierischen und herrschaftskritischen Ans\u00e4tzen nicht zu vereinbaren ist und somit die Beteiligung unsererseits ausschlie\u00dft. Zum Einen ist die zentrale These der Messe, dass Gesellschaft und das Bewusstsein \u00fcber angeblich ethisch und \u00f6kologisch korrekten Konsum ver\u00e4ndert werden kann. Damit ist die Veganfach eine reine Konsumveranstaltung ohne herrschaftskritischen Anspruch, die sich kapitalistischer Logiken bedient und die damit einhergehenden Ausbeutungs-, Ausgrenzungs- und Konkurrenzverh\u00e4ltnisse reproduziert. Zum Anderen kritisieren wir die Konstruktion von einem Gemeinschaftsgef\u00fchl \u00fcber das Kriterium des \u201eVeganseins\u201c. Diese beiden Punkte wollen wir n\u00e4her ausf\u00fchren.<\/p>\n<p><b>1. Der Konsum im Kapitalismus<\/b><\/p>\n<p>Konsum ist kein Prozess der bewussten Auseinandersetzung. Dem Konsum im Kapitalismus geht immer die Begrenzung der Entscheidungsm\u00f6glichkeiten und Handlungsspielr\u00e4ume auf konsumierbare Waren voraus. Und selbst diese sind begrenzt: Welche Waren \u00fcberhaupt konsumiert werden k\u00f6nnen, entscheidet nicht zuletzt der eigene Geldbeutel. F\u00fcr Viele ist es aus finanziellen Gr\u00fcnden nicht m\u00f6glich, all ihre Waren &#8222;fair&#8220; und\/oder &#8222;bio&#8220; zu kaufen. Wird das konsumierte Produkt unabh\u00e4ngig davon mit einer moralischen Bewertung der Konsumhandlung als gut oder schlecht dargestellt, wird dieser herrschaftsf\u00f6rmige Prozess geleugnet. Der Akt des Konsumierens an sich und die Verh\u00e4ltnisse, die dahinter stehen, werden als alternativlos und indiskutabel dargestellt.<br \/>\nDabei wird auch ausgeblendet, dass die Definitionen dar\u00fcber, was \u00fcberhaupt als ethisch\/\u00f6kologisch korrekt bezeichnet werden darf, aus machtvollen Institutionen kommen, die fest im kapitalistischen Wirtschaftssystem verankert sind. Auch hinter der Frage nach &#8222;fair trade&#8220; und &#8222;bio&#8220; stecken Lobbys und wirtschaftliche Interessen, die in gegenseitiger Konkurrenz stehen.<br \/>\nDer Konsum, wie er heute stattfindet, funktioniert nur \u00fcber kapitalistische Produktionsweisen und Produktionsverh\u00e4ltnisse, d.h. die \u00dcberlebensf\u00e4higkeit des eigenen Betriebs\/Produkts ist nur dann gew\u00e4hrleistet, wenn das konkurrierende Produkt aus dem Weg geschafft wird und\/ oder das eigene Produkt noch attraktiver gemacht wird etc. Daf\u00fcr muss ein Bed\u00fcrfnis an bestimmten Produkten aufrecht erhalten werden. Um dieses Bed\u00fcrfnis aufrecht zu erhalten wird sich zwangsl\u00e4ufig auch der Werbung bedient. Zur Verbesserung des Absatzes eines Produktes kommen herrschaftsf\u00f6rmige Diskurse um Geschlecht, Sch\u00f6nheit, Alter, sozialer Status, Gesundheit, oder eben mittlerweile auch ethischer\/\u00f6kologischer Korrektheit (fairtrade\/bio) zum Einsatz. Dabei werden jene Fragen ausgehandelt, die Menschen in herrschaftsf\u00f6rmige und hierarchische Verh\u00e4ltnisse zueinander setzen, unter anderem: Bin ich sch\u00f6n? Welches Geschlecht habe ich? Bin ich Gesund? Bin ich erfolgreich? Bin ich zu alt\/jung?<br \/>\nIm kapitalistischen Alltag wird von allen Menschen verlangt, sich mit diesen Fragen auseinander zu setzen und innerhalb dieser normativen Konzepte zu verorten.<\/p>\n<p>Die Veganfach st\u00fctzt mit ihrer herrschaftsf\u00f6rmigen Produktschau diese Mechanismen. Die einzelnen Repr\u00e4sentant_innen von Betrieben\/Produkten an den verschiedenen St\u00e4nden reproduzieren unserer Auffassung nach eben jene Normen von Sch\u00f6nheit, Alter, Geschlecht, Gesundheit etc. und verh\u00fcllen alles unter einem Veganismus-Mantel mit ethisch \/ \u00f6kologisch progressivem Bewusstsein und dem Anspruch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen und sie mit Liebe zu f\u00fcllen.<br \/>\n<b>2. Die Konstruktion von Veganer_innen<\/b><\/p>\n<p>Solch ein Ort kann jedoch nicht ohne einen allgemeinen Wandel der Produktionsverh\u00e4ltnisse entstehen. Der Definition und dem Anspruch von Veganismus, sich in der Welt um uns herum zu bewegen, ohne weiteres Leid und ohne weitere Ausbeutung an anderen Tieren zu unterst\u00fctzen, kann in dieser Gesellschaft niemals entsprochen werden. Jedes Feld, das bestellt wird, jeder Baum, der gef\u00e4llt wird und jede Verpackung, die produziert wird, fordert Lebensraum und das Leben etlicher Individuen. Die Frage nach Veganismus bzw. nach dem \u201eVegansein\u201c kann nie ersch\u00f6pfend beantwortet werden, da das \u201eVegansein\u201c kein vollendeter Zustand ist und es nie sein kann. Es muss immer ein dynamischer Prozess bleiben, der aushandelbar ist. Die Aushandlung dar\u00fcber, was vegan ist und was nicht, wird stetig fortgef\u00fchrt und von den Gruppen und Zusammenschl\u00fcssen bestimmt, die die derzeitige diskursive Vormachtstellung haben, d.h. die \u00fcber die meisten Privilegien wie z.B. Ressourcen oder gesellschaftliche Stellung verf\u00fcgen. Diejenigen Personen, die nicht in das gegenw\u00e4rtige Definitionsschema von \u201eVegansein\u201c fallen, werden dadurch unglaubw\u00fcrdig gemacht, aus den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ausgeschlossen und unsichtbar gemacht. Das widerspricht unseren Vorstellungen von emanzipatorischer Politik.<\/p>\n<p>Wir werden dieses Schreiben den Organisator_innen der Veganfach \u00fcbermitteln, sowie eine weitere Diskussion \u00fcber die Thematik anregen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben uns dazu entschieden, mit dem uns angebotenen Stand auf der Veganfach nicht im herk\u00f6mmlichen Sinne teilzunehmen, sondern den Raum daf\u00fcr zu nutzen, unsere Kritik an der Messe zu formulieren und eine herrschaftskritische Position einzubringen. 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