{"id":54,"date":"2010-08-27T14:46:26","date_gmt":"2010-08-27T12:46:26","guid":{"rendered":"http:\/\/berta-online.org\/?page_id=54"},"modified":"2010-08-29T17:27:40","modified_gmt":"2010-08-29T15:27:40","slug":"offener-brief-der-berliner-tierrechtsaktion-an-a-k-t-e","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/berta-online.org\/?page_id=54","title":{"rendered":"Offener Brief der Berliner Tierrechtsaktion an A.K.T.E."},"content":{"rendered":"<div>\n<h2>Offener Brief der Berliner Tierrechtsaktion an A.K.T.E.<\/h2>\n<p>Obwohl wir die \u00fcber die Jahre hinweg allzu oft wiederkehrenden  Diskussionen \u00fcber die Legitimit\u00e4t des sog. &#8222;KZ-Begriffs&#8220; verfolgt und  uns daran beteiligt haben, waren wir ehrlich gesagt schockiert und  entt\u00e4uscht, dass Menschen tats\u00e4chlich so weit gehen und sich mit der  Botschaft &#8222;F\u00fcr Tiere ist jeden Tag Dachau&#8220; vor die Tore der Gedenkst\u00e4tte  des Konzentrationslagers Dachau stellen. Wir wollen einige Gedanken zu  dieser Aktion loswerden, da sie unserer Meinung nach weit \u00fcber die  Grenzen des unkommentiert Hinnehmbaren hinausgeht.<\/p>\n<p>Wir finden diese Mahnwache \u00e4u\u00dferst unsensibel. Das Konzentrationslager  Dachau wurde 1933 durch die NationalsozialistInnen errichtet, bis 1945  fanden hier weit \u00fcber 30,000 Menschen den Tod. Heute ist es eine  Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr genau diejenigen Menschen, die dort ermordet wurden und  f\u00fcr die ca. 67,000 Menschen, die bei der Befreiung dort noch am Leben  waren. Sie soll dazu dienen, an ein konkretes historisches Ereignis zu  erinnern. Menschen besuchen Dachau vor diesem Hintergrund und es ist  nicht angebracht, davon abzulenken. Einen Ort wie Dachau f\u00fcr  Propagandazwecke zu instrumentalisieren (ganz egal, wie wichtig die  eigenen Anliegen auch sein m\u00f6gen) ist einfach unsensibel, respektlos und  schlecht \u00fcberlegt. Dar\u00fcber hinaus finden wir es sehr fragw\u00fcrdig, ob mit  einem solchen &#8222;Tabubruch&#8220; eine Massensensibilisierung erreicht werden  kann und sollte. Unter den BesucherInnen sind \u00dcberlebende des  Konzentrationslagers und Angeh\u00f6rige von Menschen, die dort gefoltert und  ermordet wurden. Habt ihr vorher daran gedacht, wie verletzend und  ersch\u00fctternd eine solche Aktion f\u00fcr diese Leute sein k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Auch das Motto der Demonstration &#8222;Be peaceful, be veggie, be happy&#8220; ist angesichts des Ortes misslungen und fast zynisch.<\/p>\n<p>Auf vegan.de, habt ihr eure Mahnwache als &#8222;mutige Aktion&#8220; beschrieben.  Da stimmen wir nicht zu. Immer und immer wieder wurde genau dieser  Vergleich gemacht, von Tiersch\u00fctzerInnen, &#8222;Fleisch&#8220; essenden  NachrichtensprecherInnen, Autonomen, der NPD und in einem bekannten Fall  von einem Richter. Der Begriff ist veraltet, nichts Neues. Nur weil  viele Menschen ihn als kr\u00e4nkend empfinden und weil er kontrovers ist,  wird er immer wieder angewendet in der Hoffnung, dass mensch dadurch  einen Moment lang Aufmerksamkeit bekommt.<\/p>\n<p>Und genau hier liegt ein gro\u00dfes Problem. Denn \u00fcberall sehen Menschen  mittlerweile KZs: in Massentierhaltungen, &#8222;Versuchstier&#8220;-Zuchten oder  Hochsicherheitskn\u00e4sten. Und pl\u00f6tzlich sind alle Menschen, wenn sie  &#8222;Fleisch&#8220; verzehren, doch wie Nazis, eben auch Juden und  Holocaust\u00fcberlebende, nur nicht die VeganerInnen. Der Holocaust  erscheint nicht als ein einmaliges und in unserer Geschichte nicht zu  vergleichendes Geschehnis, sondern als etwas, woran wir uns alle einmal  beteiligt haben, mehrmals am Tag sogar. Denn er geschah auf unseren  Tellern! Ob es so gemeint war oder nicht (und wir gehen eigentlich davon  aus, dass ihr keine antisemitischen Absichten verfolgt), ihr  relativiert den Holocaust, macht ihn zur Normalit\u00e4t. Begriffe verlieren  an Bedeutung und an Aussagekraft, wenn sie \u00fcberall und f\u00fcr alles  verwendet werden. Wenn so viele Sachen &#8222;Holocaust&#8220; sind, welche Worte  haben wir noch, um den Holocaust zu beschreiben? Wie beschreibt mensch  die T\u00e4ter, wenn wir alle zu gleichen Ma\u00dfen Nazis sind?<\/p>\n<p>Auch um die Gewalt und Ausbeutung gegen\u00fcber nichtmenschlichen Tieren zum  Ausdruck zu bringen, brauchen wir Worte. Wir brauchen die M\u00f6glichkeit,  das, was diesen Tieren angetan wird, genau zu beschreiben und zu  benennen. Und das tun wir nicht, wenn wir einfach mal &#8222;H\u00fchner-KZ&#8220; sagen.  Das, was diese Tiere erfahren, ist nicht erst dann schlimm, wenn es  Dachau ist.<\/p>\n<p>Ein Aspekt dieses Problems wird besonders deutlich, wenn mensch (wie ihr  es ja gemacht habt) direkt vor den Toren einer Gedenkst\u00e4tte  demonstriert und sagt: &#8222;Die Tiere sind ebenfalls Opfer eines  Rassenwahns&#8220;. Hier besteht eine gro\u00dfe Gefahr, die Grenze zwischen T\u00e4ter  und Opfer zu verwischen, die Opfer des Holocausts quasi f\u00fcr einen  eigenen Holocaust (gegen nichtmenschliche Tiere) verantwortlich zu  machen. Das haben auch Gruppierungen wie die NPD bemerkt und f\u00fcr ihre  eigenen Zwecke benutzt, als sie vom &#8222;Bombenholocaust&#8220; sprachen, oder der  Tierschutzverein VGT-Schweiz, wenn er \u00fcber &#8222;j\u00fcdische Aufhetzung&#8220;  schreibt. Auch wenn andere BenutzerInnen \u00e4hnlicher Vergleiche keinen  Revisionismus betreiben wollen, ist es doch politisch sehr  unverantwortlich und spielt denjenigen in den H\u00e4nde, welche die  Verbrechen der NationalsozialistInnen relativieren und verharmlosen  wollen.<\/p>\n<p>In eurem Text Gedanken zur Mahnwache vor dem KZ in Dachau, sagt ihr  schon im Voraus, dass es euch nicht um eine Gleichsetzung, sondern um  einen Vergleich geht. Gut. Nur der Satz &#8222;F\u00fcr Tiere ist jeden Tag Dachau&#8220;  h\u00f6rt sich schon sehr wie eine Gleichsetzung an, bzw. IST eine.  Weiterhin bedeutet Vergleichen nicht nur \u00c4hnlichkeiten, sondern auch  Unterschiede zu untersuchen und herauszustellen. Der einzige  Unterschied, den ihr scheinbar entdeckt habt, ist die &#8222;Spezies&#8220; der  Opfer. Jedenfalls seid ihr der Meinung, dass &#8222;alle Unterscheidungen doch  den T\u00e4tern dienen&#8220;. Unterscheidungen dienen in erster Linie dazu, eine  Sache wirklich zu verstehen. Um etwas bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen, muss mensch  den gesellschaftlichen und historischen Kontext verstehen. Denn nichts  passiert in einem Vakuum. Das Mindeste, was mensch von einem  Arbeitskreis erwarten kann, der sich mit ethischen Fragen  auseinandersetzt, ist Differenzierungsf\u00e4higkeit und die Bereitschaft,  hinter oberfl\u00e4chliche und nichtsdestotrotz sehr fragw\u00fcrdige Parallelen  zu schauen.<\/p>\n<p>In eurer Erkl\u00e4rung weist ihr auch darauf hin, dass es euch hierbei um  das \u00e4hnliche Leiden geht: &#8222;Hunger und Durst, Schmerzen, Verzweiflung und  Todesangst versp\u00fcren Menschen UND Tiere&#8220;. Um das zu erkl\u00e4ren, br\u00e4uchten  wir keinen KZ-Vergleich. Leiden ist individuell. Ein Mensch leidet wie  ein anderes Tier allein, f\u00fchlt Schmerz allein und nicht als Masse. Wenn  du mich schl\u00e4gst, dann tut es mir weh &#8212; unabh\u00e4ngig davon, wie viele  andere Menschen geschlagen worden sind. Wenn mensch ein Tier einsperrt  und umbringt, leidet das Tier. Und dies nicht mehr oder weniger, weil es  m\u00f6glicherweise auch in Alabama, Brandenburg und anderen Orten der Erde  passiert. Der Vergleich wird zum einem zumeist mit Zahlen gerechtfertigt  (wie viele Opfer, nicht wie intensiv das Leiden), diese Konzentration  auf Mengenangaben blendet wiederum die Individuen aus und zum zweiten  mit oberfl\u00e4chlichen Bildern (Wacht\u00fcrme, Schuppen, Reihen), die aber  weder \u00fcber Ursachen noch Wirkung etwas aussagen.<\/p>\n<p>Wenn es euch bei dem Vergleich nur um das Leiden ginge, w\u00fcrden andere  Vergleiche genau so h\u00e4ufig verwendet. Ein Kaninchen in einem Labor  leidet wie ein Waschb\u00e4r auf einer Pelzfarm, leidet wie ein Opfer eines  Autounfalls, wie eine \u00dcberlebende einer Vergewaltigung, wie ein Insasse  in Einzelhaft &#8230; Denn wer soll sagen, wessen Leid gr\u00f6\u00dfer oder schlimmer  ist? Aber diese Sachen sind nicht gleich und es ist niemenschem  geholfen, wenn wir die Unterschiede ausblenden und alles einfach beim  gleichen Namen nennen. Mord ist Mord, aber &#8222;Fleischproduktion&#8220; ist nicht  Vivisektion, &#8222;Zirkustiere&#8220; werden nicht, wie Animal Peace es meint,  &#8222;vergewaltigt mit Applaus&#8220; und Dachau ist weder Wiesenhof noch eine  Demonstrationsstelle.<\/p>\n<p><strong>Berliner Tierrechtsaktion (BerTA), April 2006<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Offener Brief der Berliner Tierrechtsaktion an A.K.T.E. 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