{"id":31,"date":"2010-08-27T14:38:23","date_gmt":"2010-08-27T12:38:23","guid":{"rendered":"http:\/\/berta-online.org\/?page_id=31"},"modified":"2010-09-01T01:00:19","modified_gmt":"2010-08-31T23:00:19","slug":"%e2%80%9eund-sie-strampeln-um-ihr-leben%e2%80%9c","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/berta-online.org\/?page_id=31","title":{"rendered":"\u201eUnd sie strampeln um ihr Leben\u201c"},"content":{"rendered":"<h2>\u201eUnd sie strampeln um ihr Leben\u201c<\/h2>\n<h3><small><strong>Das Motiv des Schlachtens in der Literatur <\/strong><\/small><\/h3>\n<p>Kaum zu glauben, dass der Mensch zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer noch einen Gro\u00dfteil seiner Nahrungsmittel durch Tierschlachtung gewinnt. Das mittlerweile pasteurisierte, aber nach wie vor blutige Gemetzel liefert wohl den augenf\u00e4lligsten Beweis daf\u00fcr, dass die Aufkl\u00e4rung nicht nur Freiheit verhei\u00dft, sondern auch den Keim zum R\u00fcckschritt enth\u00e4lt: Heute reagieren die meisten Menschen \u00e4u\u00dferst empfindlich auf Tierqu\u00e4lerei; viele haben die Tiere l\u00e4ngst (wieder) als ihre leidensf\u00e4higen Verwandten erkannt. Aber die totale Verdinglichung und industrielle Verwertung tierlicher Individuen als Massenware schreitet \u2013 scheinbar \u2013 unaufhaltsam voran.<\/p>\n<p>Mit ihrem neuesten Buch \u201eDer Weg allen Fleisches\u201c \u00fcber die Tierschlachtung in der Literatur der Moderne weist Manuela Linnemann auf die Dialektik des Zivilisationsprozesses hin. Vor allem aber zeigt die Publizistin, dass im fortgeschrittenen Kapitalismus haupts\u00e4chlich die Kunst die \u00fcberaus wichtige Aufgabe l\u00f6sen kann, \u201edie Evidenz des Leidens der Tiere erfahrbar zu machen\u201c. Damit hat sie nach \u201eBr\u00fcder \u2013 Bestien \u2013 Automaten\u201c, einer Sammlung von philosophischen und theologischen Texten \u00fcber das Tier im abendl\u00e4ndischen Denken von der Antike bis zur Gegenwart, nun schon eine zweite Anthologie vorgelegt, die zumindest im deutschen Sprachraum einmalig ist.<\/p>\n<p>Die \u00e4ltesten Texte des Bandes stammen aus der Zeit der historischen Aufkl\u00e4rung. Die Sammlung wird er\u00f6ffnet mit einem Auszug aus Jean-Jacques Rousseaus \u201eEmil oder \u00dcber die Erziehung\u201c. Der Schriftsteller, Philosoph und P\u00e4dagoge, der ebenso zu den geistigen Wegbereitern der Franz\u00f6sischen Revolution wie zu den bedeutendsten Vernunftkritikern der Moderne z\u00e4hlt, versucht mit Hilfe eines langen Plutarch-Zitats zu belegen, dass der Fleischgenuss keineswegs etwas Nat\u00fcrliches ist, sondern eine Form der Verrohung des vergesellschafteten Menschen: \u201eDie englische Wildheit ist bekannt: die Gauren hingegen sind die sanftm\u00fcthigsten Menschen. Alle Wilden sind grausam\u201c, konstatiert Rousseau, \u201eund ihre Sitten treiben sie nicht dazu an; diese Grausamkeit k\u00f6mmt von ihren Speisen.\u201c<\/p>\n<p>Nun, dass der Mensch ist, was er isst, sein Sozialcharakter allein durch die Qualit\u00e4t der Nahrungsmittel bestimmt wird, die er zu sich nimmt, ist zu bezweifeln. Aber die sp\u00e4tkapitalistische Gesellschaft, die j\u00e4hrlich viele Milliarden empfindungsf\u00e4higer Individuen f\u00fcr Konsumzwecke abschlachtet, bis zur Unkenntlichkeit zerst\u00fcckelt und als standardisierte Ware in ihren gierigen Schlund stopft, droht nicht nur jederzeit in die Barbarei zu regredieren \u2013 sie hat sich nie davon gel\u00f6st, sondern notwendig ein falsches Bewusstsein hervor gebracht, das ihr selbst produziertes Grauen lediglich in der Barbarei der Normalit\u00e4t aufgehen und verschwinden l\u00e4sst. Und so lassen wir uns von Dampfplauderern wie Johannes B. Kerner rund um die Uhr erz\u00e4hlen, dass der Genuss von blutiger Tierleichenkost wie \u201eGutfrieds Gefl\u00fcgelwurst\u201c etwas ganz Nat\u00fcrliches ist und \u201egute Eltern\u201c ihre Kinder mit Fleischwaren ern\u00e4hren. \u201eIn der \u00dcberflussgesellschaft herrscht Diskussion im \u00dcberfluss\u201c, schrieb Herbert Marcuse in seiner ber\u00fchmten Kritik der \u201eRepressiven Toleranz\u201c. \u201eFerner wird bei Debatten in den Massenmedien die dumme Meinung mit demselben Respekt behandelt wie die intelligente, der Ununterrichtete darf ebenso lange reden wie der Unterrichtete, und Propaganda geht einher mit Erziehung, Wahrheit mit Falschheit.\u201c Manuela Linnemann hat v\u00f6llig Recht, wenn sie in dem Vorwort zu ihrer Sammlung literarischer Texte sagt: \u201eDas Argument, der Mensch habe von Anfang an Fleisch gegessen und deswegen schon immer Tiere get\u00f6tet, ist nicht zwingend, sondern ein naturalistischer Fehlschluss.\u201c<\/p>\n<p>Marcuse hatte an die Intellektuellen und K\u00fcnstler appelliert, an \u201egeschichtliche M\u00f6glichkeiten, die zu utopischen geworden zu sein scheinen, zu erinnern und sie zu bewahren\u201c. Diese Mission erf\u00fcllen die 43 Literaten, die in Linnemanns Band zu Wort kommen, ausnahmslos. Die wenigsten von ihnen haben sich als gro\u00dfe Tierfreunde oder gar Vegetarier hervor getan. Das trifft auf Emile Zola, Bertolt Brecht, Alfred D\u00f6blin, Wladimir Majakowskij zu, auch auf Johann Wolfgang von Goethe, \u00fcber den Adorno sagte, sein Widerwille gegen die Affen wiese auf die Grenzen seiner Humanit\u00e4t. Aber gerade teilnahmslose Schilderungen von Tierschlachtungen, die nicht selten so grausam sind, dass es M\u00fche macht weiter zu lesen, \u00fcberzeugen dadurch, dass sie nicht moralisieren, das Grauen nicht weglamentieren, sondern uns dem ungefilterten Schrecklichen aussetzen \u2013 die Kritik findet sich in der schonungslos eindringlichen Darstellung dessen, was objektiv der Fall ist. Das gilt beispielsweise f\u00fcr den j\u00fcngsten Text, mit dem Linnemann ihre Anthologie schlie\u00dft, einen Auszug aus dem Roman \u201eBl\u00f6sch\u201c von dem Schweizer Schriftsteller Beat Sterchi: \u201eIst kein Haken in Reichweite, m\u00fcssen wir die zappelnden Tiere \u00fcber den Boden schleifen. Meterweit. Und sie strampeln um ihr Leben [&#8230;] He! He! Locher f\u00e4hrt Fernando an, der mit dem Gummischlauch hart auf ein laut schreiendes Schwein einschl\u00e4gt. Nicht so! Das kannst du zu Hause machen. Die S\u00e4ue hier, die brauchst du nur einzufangen. Dass sie schweigen, daf\u00fcr sorge ich dann schon. Und nicht mit den Stiefeln treten. Verstanden!\u201c Sterchi sagt \u00fcber seinen Roman: \u201eIch wollte die verdr\u00e4ngten Vorg\u00e4nge \u201ahinter dem hohen Zaun am Rande der sch\u00f6nen Stadt\u2019 der Literatur zuf\u00fchren. Ich wollte nicht schockieren, nur festhalten, wie es ist.\u201c Und der Schriftsteller wei\u00df genau, wie es ist, denn er hat eine Metzgerlehre absolviert.<\/p>\n<p>Aus den literarischen Szenen spricht die unwiderlegbare Wahrheit: Die allt\u00e4glichen millionenfachen Tiert\u00f6tungen in den Schlachth\u00e4usern dieser Welt sind ein gigantisches, zutiefst unmenschliches Verbrechen. \u201eLiteratur zwingt uns zum Hinsehen, indem sie ein \u201aFenster\u2019 in die Schlachth\u00f6fe \u00f6ffnet und auch die scheinbar idyllische Hausschlachtung als ein martialisches Geschehen beleuchtet\u201c, schreibt die Herausgeberin. \u201eIn der Literatur wird die vermeintliche Nat\u00fcrlichkeit oder Selbstverst\u00e4ndlichkeit des Tiert\u00f6tens zu Ern\u00e4hrungszwecken demaskiert.\u201c<\/p>\n<p>Die unertr\u00e4gliche Anschauung der Gewalt gegen Tiere weist \u00fcber das bestehende Unrecht hinaus. Und so ist Linnemanns Anthologie nicht nur ein eindringliches Pl\u00e4doyer gegen die Barbarei des Schlachtens und Fleischkonsums \u2013 sie ist auch ein St\u00fcck radikale Kritik an der perfiden Ideologie der etablierten Tierschutzverb\u00e4nde und Vegetarierb\u00fcnde, die sich l\u00e4ngst an der \u201eTyrannei der Mehrheit\u201c (Marcuse) beteiligen, die L\u00fcge vom \u201ehumanen Tod\u201c des \u201eBio-Schweins\u201c verbreiten und mit ekelhaften Neologismen wie \u201eTeilzeitvegetarismus\u201c Toleranz gegen\u00fcber der Schlachthofgesellschaft und ihrer institutionalisierten Gewalt predigen. \u201eWenn Toleranz in erster Linie dem Schutz und der Erhaltung einer repressiven Gesellschaft dient\u201c, so Herbert Marcuse, \u201ewenn sie dazu herh\u00e4lt, die Opposition zu neutralisieren und die Menschen gegen andere bessere Lebensformen immun zu machen, dann ist Toleranz pervertiert worden.\u201c Im Sp\u00e4tkapitalismus, der den von Manipulation und Konformismus gepr\u00e4gten eindimensionalen Menschen hervorgebracht hat, gibt es nur zwei Orte, an denen das Subjekt zu einem subversiven, unverdinglichten Bewusstsein gelangen kann: Der \u00e4u\u00dferste Rand der Gesellschaft und die Kunst. Den Weg zu Letzterer weist Linnemann, indem sie sagt: \u201eWo das Ausma\u00df der Massenschlachtungen das Vorstellungsverm\u00f6gen der Menschen l\u00e4ngst \u00fcbersteigt, wo die Mechanisierung des Schlachtens zur Abstumpfung der Gef\u00fchle gef\u00fchrt hat, wo allenthalben der Akt der Tiert\u00f6tung als etwas Neutrales wahrgenommen wird, das den Menschen nicht trifft und seine Zivilisation nicht infrage stellt, vermag uns die Literatur mit Bildern zu konfrontieren und so an unser Mitgef\u00fchl zu appellieren.\u201c<\/small><\/p>\n<p><small>von Susann Witt-Stahl<\/small><\/p>\n<p><small>Manuela Linnemann (Hg.) \u2013<br \/>\nDer Weg allen Fleisches. Das Motiv des Schlachtens in der Literatur.<br \/>\nErlangen 2006, br., S. 150, 19,50 Euro.<\/small><\/p>\n<p><small><small>Dieser Text erschien in &#8222;Tierbefreiung &#8211; Das Aktuelle Tierrechtsmagazin.&#8220; <\/small><br \/>\n<small>Herausgegeben von &#8222;die tierbefreier e.V.&#8220;, Ausgabe 51, Juni 2006.<\/small><br \/>\n<small><\/small><br \/>\n<small><a href=\"http:\/\/www.tierbefreier.de\/tierbefreiung\/index\/index.html\">Hier gibt es weitere Informationen zum Magazin \u201eTierbefreiung\u201c<\/a><\/small><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eUnd sie strampeln um ihr Leben\u201c Das Motiv des Schlachtens in der Literatur Kaum zu glauben, dass der Mensch zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer noch einen Gro\u00dfteil seiner Nahrungsmittel durch Tierschlachtung gewinnt. 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