{"id":24,"date":"2010-08-27T14:26:23","date_gmt":"2010-08-27T12:26:23","guid":{"rendered":"http:\/\/berta-online.org\/?page_id=24"},"modified":"2010-08-29T17:31:58","modified_gmt":"2010-08-29T15:31:58","slug":"verachtet-geschlachtet-und-vergessen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/berta-online.org\/?page_id=24","title":{"rendered":"Verachtet, geschlachtet und vergessen"},"content":{"rendered":"<div>\n<h2>Verachtet, geschlachtet und vergessen<\/h2>\n<h3>\u00dcber den Umgang mit Tieren in unserer Gesellschaft<br \/>\nWie es zur Gewalt gegen Tiere kommt und wie sie \u00fcberwunden werden kann<\/h3>\n<p><strong>Die Schizophrenie einer tiersch\u00fctzerischen Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Gesellschaft gibt sich tiersch\u00fctzerisch. B\u00fcrger XY ist emp\u00f6rt,  wenn Satanisten rituell eine Katze k\u00f6pfen. B\u00fcrger XY fordert hohe  Gef\u00e4ngnisstrafen f\u00fcr Pferderipper, die nachts im Blutrausch Pferde  aufschlitzen. B\u00fcrger XY sch\u00fcttelt verst\u00e4ndnislos den Kopf \u00fcber die  Chinesen, die Hunde essen. Tierschutz geh\u00f6rt zum Anstand genauso wie das  Bekenntnis zur Demokratie und die weihnachtliche Spende f\u00fcr UNICEF. Das  Tierschutzgesetzt komplettiert den Selbstbetrug: Tieren kann es in  unserer Gesellschaft gar nicht schlecht gehen, denn wir haben ja das  Tierschutzgesetz. Tierliebe gilt als die Norm und Tierqu\u00e4lerei als  verwerfliche Abweichung von der Norm. Die Mehrzahl der Menschen  hierzulande f\u00fchlt sich auf der Seite der Norm. Es wird nichts  Widerspr\u00fcchliches daran gefunden, mit der einen Hand die Katze zu  streicheln und mit der anderen Kotelett zu schneiden. F\u00fcr die Mehrzahl  der Menschen ist es selbstverst\u00e4ndlich, dass die einen Tiere unter den  Tisch und die anderen auf den Tisch geh\u00f6ren. Es scheint zwei Kategorien  von Tieren zu geben: lebens- und liebenswerte Tiere, denen alle  erdenkliche F\u00fcrsorge zuteil wird und lebensunwerte Tiere, die zum  Verzehr vorgesehen sind. Das Schlachten von Schweinen und Rindern  scheint etwas grunds\u00e4tzlich Anderes zu sein als das Rippen von Pferden.  Der Tod des Familienhundes scheint etwas total Anderes zu sein als der  Tod des Mastkalbes. Das Essen von Hunden und Katzen in China gilt als  barbarisch, das Essen von L\u00e4mmern und H\u00fchnern hierzulande dagegen als  zivilisiert. Milde gesagt, lebt die Mehrzahl der Menschen im Blick auf  den Umgang mit Tieren schizophren. Drastisch gesagt, ist die Mehrzahl  der Menschen alles andere als tierlieb, sondern tagt\u00e4glich  verantwortlich f\u00fcr Schmerzen, Angst und gewaltsamen Tod unz\u00e4hliger  Tiere, die das Pech hatten, mit der Kategorie Nutztier bedacht worden zu  sein.<\/p>\n<p>Auch wenn die tierverarbeitende Industrie samt ihrer Marketingfirma  (CMA) alles daf\u00fcr tut, das Leid und Elend der so genannten Nutztiere vor  den Augen der VerbraucherInnen zu verbergen: dieses Leid und Elend ist  real und jeder Tier\/Tierprodukt-Konsumierende ist verantwortlich f\u00fcr  lebensbeendende Gewalt gegen Tiere.<\/p>\n<p>Das Tierschutzgesetz ist nichts anderes als ein Feigenblatt f\u00fcr die sich  zivilisiert w\u00e4hnende Gesellschaft. Es sch\u00fctzt maximal einige  auserw\u00e4hlte Tiere und verhindert nicht im Entferntesten die  unvorstellbare Gewalt gegen so genannte Nutz- und Versuchstiere. Das  Tierschutzgesetz liefert die hohlen Paragraphen f\u00fcr eine Gesellschaft,  die ohne Wimpernzucken j\u00e4hrlich 46 Millionen Schweine umbringt, aber  richtig b\u00f6se wird, wenn Nachbar?s Katze weh getan wird.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnt ihr die Schreie der Tiere nicht h\u00f6ren? &#8211;  Die Realit\u00e4t und ihr gemeinschaftliches Verdr\u00e4ngen<\/strong><\/p>\n<p>Der Ge- und Verbrauch von Tieren gilt in unserer Gesellschaft als  normal. Die meisten Menschen betrachten es als ihr gutes Recht, Tiere zu  nutzen. Manchmal kommen aber Skrupel auf. Wenn z.B. durch  Undercover-Recherchen Bilder aus Legebatterien, Massenst\u00e4llen oder  Schlachth\u00f6fen an die \u00d6ffentlichkeit dringen; wenn mal wieder wegen einer  Tierseuche gekeult wird; wenn Rinderleichenberge brennen; wenn man auf  der Autobahn Tiertransporter \u00fcberholt; wenn man Schlachttiere schreien  h\u00f6rt &#8211; dann kommen Zweifel auf: Liefert das lachende Schwein auf der  Werbetafel des Metzgerladens wirklich freiwillig und freudig sein  Fleisch? Dann dr\u00e4ngt sich die Frage auf, ob das Ausma\u00df an Leid und  Gewalt gegen Tiere zu rechtfertigen ist. Leider werden solche Fragen und  aufkommende Skrupel allzu schnell wieder weggewischt. Behilflich dabei  sind vier Umst\u00e4nde: (1.) Man ist nicht permanent den Schreien und  Blicken der gemarterten Schweine, K\u00e4lber, H\u00fchner ausgesetzt. Die meisten  Tiertransporter rollen wohlweislich des nachts \u00fcber unsere Stra\u00dfen. Im  Schlachthof wird die Arbeit in den d\u00e4mmrigen Morgenstunden und hinter  hohen Mauern abgewickelt. Die Mastanlagen und Legebatterien befinden  sich au\u00dferhalb der St\u00e4dte &#8212; wenn man nichts sehen will, sieht man  nichts. (2.) Die ersch\u00fctternden Bilder von brutal getretenen und  geschlagenen Schweinen, von halbnackten und ausgemergelten Legehennen,  von isolierten und in enge Boxen gepferchten K\u00e4lbern, von um Luft und  Leben ringenden Rindern auf Transportern &#8212; diese Bilder gehen nach und  nach unter in der allt\u00e4glichen Bilderflut &#8212; wenn man sich an nichts  erinnern will, erinnert man sich an nichts. (3.) Schon von klein auf  werden wir an die Selbstverst\u00e4ndlichkeit des Fleischessens und Benutzens  von Tieren gew\u00f6hnt. Unsere ersten Bilderb\u00fccher handeln vom Leben auf  dem Bauernhof, wo es das Normalste der Welt ist, dass die K\u00fche, Schweine  und H\u00fchner irgendwann auf dem Tisch liegen &#8212; tot nat\u00fcrlich. Der  Abtransport und Schlachtungsvorgang wird allerdings ausgeblendet. In  diesen B\u00fcchern sprechen die Tiere sogar zu uns und teilen uns mit, dass  sie daf\u00fcr da seien, uns Menschen Milch, Eier, Wolle und Fleisch zu  liefern. Dabei machen die Tiere auch so lustige Gesichter &#8212; den macht  es bestimmt auch Freude, uns ihre Produkte zu schenken. Hinzu kommt  nat\u00fcrlich unsere t\u00e4gliche Kost &#8212; K\u00f6rper und Gaumen werden an Fleisch  und Tierprodukte gew\u00f6hnt. Wie wir ideologisch und geschmacklich in der  Kindheit gepr\u00e4gt wurden, das steckt tief in uns drin &#8212; wenn man nicht  neu denken und essen will, denkt und i\u00dft man nicht neu. (4.) Wenn man  den brutalen und benutzenden Umgang mit Tieren in Frage stellt, wird man  oft als verweichlicht und gef\u00fchlsduselig bel\u00e4chelt. Wider alle Logik  wird die Leidensf\u00e4higkeit der Tiere f\u00fcr unwichtig erkl\u00e4rt und es wird  unser gutes Recht, sie zu nutzen und zu t\u00f6ten, hervorgekehrt. Dieses  Recht scheint \u00fcber aller Vernunft und allem Mitgef\u00fchl zu stehen. Gegen dieses gemeinschaftliche Verdr\u00e4ngen der t\u00e4glichen Gewalt gegen  Tiere, gegen diese Arroganz und Ignoranz der Macht, gegen dieses  Vergessen k\u00e4mpfen Tierrechtler (Eine Demo-Parole lautet: K\u00f6nnt ihr die  Schreie der Tiere nicht h\u00f6ren; wir m\u00fcssen eure Ruhe st\u00f6ren.).<\/p>\n<p><strong>Die ganz Anderen &#8211; Ein tiefer Graben liefert das reine Gewissen<\/strong><\/p>\n<p>Die Schizophrenie unserer Gesellschaft beim Umgang mit Tieren ist  zun\u00e4chst einmal festzustellen. Dann ist zu fragen: Wie kann es bei  vermeintlich normal empfindenden und denkenden Menschen dazu kommen,  dass sie die Anwendung extremer Gewalt gegen f\u00fchlende Individuen anderer  Spezies und deren T\u00f6tung f\u00fcr niedere Zwecke als selbstverst\u00e4ndlich  ansehen?<\/p>\n<p>Das geht nur mit Hilfe eines tiefen Grabens, der zwischen Menschen und  Tieren aufgerissen wurde. Das, was Menschen und Tiere verbindet, wird  ausgeblendet. Zum Beispiel die Tatsache, dass Menschen und Schimpansen  zu 98 % gleiche Gene haben; zum Beispiel die Tatsache, dass Menschen und  Affen, Menschen und Katzen, Menschen und M\u00e4use, Menschen und Elefanten,  Menschen und V\u00f6gel, Menschen und Fische gleicherma\u00dfen an ihrem Leben  h\u00e4ngen und es auf vielf\u00e4ltige Art erleben (in Freude, Trauer, Schmerz,  Geselligkeit, Kommunikation, Angst, Spa\u00df usw.). Ausgeblendet wird zum  Beispiel die Tatsache, dass Beagelhunde, Ratten oder Makaken bei  Experimenten an ihren Gehirnen und Organen Angst und Schmerzen in voller  Intensit\u00e4t empfinden &#8212; es sind die gleichen Schmerzen, die ein Mensch  bei derartigen Experimenten an seinem K\u00f6rper erleiden w\u00fcrde.  Ausgeblendet wird zum Beispiel die Tatsache, dass Rinder und Schweine  ahnen, ja wissen, dass ihr Gang in den Schlachthof ihr letzter sein  wird, weil sie das Blut und die Angst ihrer Schicksalsgenossen riechen  und sp\u00fcren &#8212; wie auch wir wissen w\u00fcrden, was uns bl\u00fcht, wenn wir in  eine (hypothetische) Menschenschlachtanlage getrieben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Dagegen wird mit gro\u00dfem Aufwand das betont, was Menschen und Tiere  voneinander trennt: Menschen k\u00f6nnen rational denken, sich einer  komplexen Sprache bedienen, Subjekte ihrer Geschichte werden, eine  besondere Beziehung zu Gott herstellen, zwischen gut und b\u00f6se  unterscheiden. Diese F\u00e4higkeiten sollen die Einzigartigkeit und h\u00f6chste  Wertigkeit des Menschen begr\u00fcnden und gleichzeitig einen tiefen Graben  zwischen ihm und den (anderen) Tiere ausschachten. Gem\u00e4\u00df dieser Sicht  stehen die Menschen als vollkommene, denkende, moralische, zivilisierte,  kulturelle, intellektuelle Ebenbilder Gottes auf der einen Seite des  Grabens. Ihnen gegen\u00fcber, durch den tiefen Graben getrennt, stehen die  Tiere als unvollkommene, instinktgeleitete, triebhafte, dumpfe Bestien.  Das ist die Sicht, die Menschen unserer Gesellschaft im unterbewu\u00dften  kulturellen Gep\u00e4ck haben und die voll wirksam ist. Das so genannte  christliche Abendland hat \u00fcber Jahrtausende diesen dicken  Trennungsstrich zwischen Menschen und Tieren gezogen. Das Christentum  war dabei genauso behilflich wie die Philosophie, die Aufkl\u00e4rung und  schlie\u00dflich der Kapitalismus. Immer wurde die Welt in Gegens\u00e4tze  eingeteilt, immer wurde die Wirklichkeit aufgespalten und in Trennungen  gedacht: Hier die Herren &#8212; dort die Sklaven; hier die Christen &#8212; dort  die Heiden; hier die Zivilisierten &#8212; dort die Barbaren; hier die wei\u00dfen  und kultivierten Europ\u00e4er &#8212; dort die schwarzen oder indigenen Wilden  usw. Und immer wurde auch eine Abgrenzung von den Tieren vollzogen, ihre  Unterdr\u00fcckung versch\u00e4rft und ideologisch befestigt. Die Natur, das  Tierische, das Animalische bildete immer die Kontrastfolie, von der sich  die Menschen leuchtend abheben wollten. Unsere  christlich-abendl\u00e4ndische Geschichte ist eine Geschichte der Entfernung  von den Tieren. Nach und nach wurden viele Aufspaltungen &#8212; etwa die  zwischen Herren und Sklaven &#8211; als Unrecht entlarvt und \u00fcberwunden. Doch  die Unterwerfung der Tiere ist in den letzten Jahrhunderten immer  brutaler und perfider geworden. Der dicke Trennungsstrich zwischen  Menschen und Tieren pr\u00e4gt unser Denken viel tiefer als wir vermuten.<\/p>\n<p><strong>Die notwendige \u00dcberwindung einer Ideologie<\/strong><\/p>\n<p>Aber dieser Trennungsstrich ist konstruiert. Die Biologie und auch unser  Tiere einschlie\u00dfendes Mitgef\u00fchl kennen diesen dicken Trennungsstrich  zwischen Menschen und Tieren nicht. Dieser Trennungsstrich ist  ideologisch gemacht und wird ideologisch abgesichert. Der angeblich so  tiefe Graben zwischen Menschen und Tieren wurde im Interesse der  Ausbeutung von Tieren durch die Menschen gegraben. Man brauchte eine  Legitimation f\u00fcr die Unterwerfung und Ausnutzung der Tiere. Die  christlich-abendl\u00e4ndisch konstruierte Trennung zwischen Menschen und  Tieren ist Wahn, nicht Wirklichkeit, ist Ideologie, nicht Wahrheit.  Diese Trennung begr\u00fcndet und bef\u00f6rdert Herrschaft und Gewalt. Diese  Trennung beraubt Tiere ihrer W\u00fcrde und Rechte und stattet die Menschen  mit allen Willk\u00fcrrechten und Herrscherphantasien aus. Und dieser  ideologische Trennungsstrich macht es den scheinbar normal denkenden und  empfindenden Menschen unserer Gesellschaft m\u00f6glich, die Anwendung  extremer Gewalt gegen f\u00fchlende Individuen anderer Spezies und deren  T\u00f6tung f\u00fcr niedere Zwecke als selbstverst\u00e4ndlich anzusehen. Menschen und  Tiere sind sich viel, viel n\u00e4her als uns die abendl\u00e4ndische  Herrenmenschenideologie glauben machen will. Es ist an der Zeit, das  trennende Denken zu \u00fcberwinden und ein verbindendes Denken zu lernen.  Dabei k\u00f6nnte auch die Sprache helfen, wenn man zum Beispiel nicht mehr  undifferenziert und abspaltend von den Tieren spricht, sondern von  nichtmenschlichen Tieren. Wir m\u00fcssen endlich aufh\u00f6ren, Angeh\u00f6rige  nichtmenschlicher Spezies als minderwertig blo\u00df aufgrund ihrer  nichtmenschlichen Spezieszugeh\u00f6rigkeit anzusehen. Denn genausowenig wie  wir die Krone der Sch\u00f6pfung sind, die zur Unterwerfung anderer befugt  ist, sind die Tiere f\u00fcr Menschen gemachte Objekte der Beherrschung.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen aufh\u00f6ren, nichtmenschliche Tiere von unserem, vermeintlich  h\u00f6herem Standpunkt aus zu definieren und abzuqualifizieren.  Nichtmenschliche Tiere sind vollst\u00e4ndige und vollwertige Wesen, deren  Wert und W\u00fcrde nicht vom Urteil des Menschen abh\u00e4ngt. Nichtmenschliche  Tiere m\u00fcssen wir als solche wahrnehmen, die sie sind &#8211; eigene,  eigenst\u00e4ndige Lebewesen, die eine Welt f\u00fcr sich sind. Sie sind f\u00fcr sich,  in ihrem Lebens-, Kommunikations- und Sozialzusammenhang eigenwertige  Wesen, denen nichts fehlt. Tiere sind f\u00fcr sich da und keineswegs f\u00fcr  uns. Blo\u00df aufgrund einer Herrenmenschenideologie, die uns im Kopf sitzt,  meinen wir, dass nichtmenschliche Tiere mangelhaft und minderwertig und  f\u00fcr uns da seien. Blo\u00df weil wir unsere Ma\u00dfst\u00e4be &#8212; Intellekt, Sprache,  Selbstbewu\u00dftsein &#8212; an nichtmenschliche Tiere anlegen, erscheinen sie  uns minderbemittelt und minderwertig. Warum aber sollen unsere  F\u00e4higkeiten zum Ma\u00dfstab f\u00fcr die Beurteilung des Lebenswertes  nichtmenschlicher Tiere genommen werden? Wir nehmen doch auch nicht die  F\u00e4higkeiten und Qualit\u00e4ten eines Hundes zur Beurteilung unserer  Wertigkeit. Da w\u00e4ren wir auch schnell verloren, denn wir k\u00f6nnten mit den  Kommunikations- und Lebensvollz\u00fcgen eines Hundes nicht einen Tag lang  mithalten. Vom Standpunkt des Hundes aus w\u00e4ren wir minderbemittelt und  minderwertig. Wir m\u00fcssen endlich aufh\u00f6ren, F\u00e4higkeiten zur Grundlage  eines Werturteils zu nehmen. Denn da kann am Ende nur gnadenloser  Sozialdarwinismus herauskommen. Wir m\u00fcssen uns befreien von dem Wahn,  nur wir Menschen h\u00e4tten Wert und W\u00fcrde gepachtet und seien die besten  und wertvollsten Wesen dieser Welt. Wert und W\u00fcrde sind gro\u00dfz\u00fcgiger  verteilt und umfassen genauso nichtmenschliche Tiere.<\/p>\n<p><strong>Die herrschaftskritische Dimension des Veganismus<\/strong><\/p>\n<p>Menschen, die sich ernsthaft f\u00fcr die \u00dcberwindung der Herrschaft der  Menschen \u00fcber Tiere einsetzen, ist die Abschaffung von jeder  Unterdr\u00fcckung ein wichtiges Anliegen. Im Falle des  Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnisses Mensch-Tier liegt aber die besondere  Situation vor, dass sich jeder selbst entmachten mu\u00df, seinem eigenen  Willen zur Macht eine Absage erteilen mu\u00df. Jeder, sofern er Fleisch  konsumiert, ist Unterdr\u00fccker, der seinen Willen einem anderen Wesen (dem  Schwein, Rind oder Huhn) aufzwingt und durch Anwendung von Macht und  Gewalt den Willen und das Sein des unterdr\u00fcckten Wesens ausl\u00f6scht. Will  man aus diesem Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnis aussteigen, ist kein  Lippenbekenntnis oder revolution\u00e4rer Habitus n\u00f6tig, sondern Veganismus.  Will man von der Unterdr\u00fcckung nichtmenschlicher Tiere zur Solidarit\u00e4t  mit ihnen gelangen, ist Veganismus die Grundbedingung. Das betrifft also  die pers\u00f6nliche Lebens- und Ern\u00e4hrungsweise und markiert zugleich den  Unterschied zum heuchlerischen und schizophrenen Tierschutz in unserer  Gesellschaft. Erst mit einer veganen Lebensweise durchbricht man die  Machtstruktur und befreit nichtmenschliche Tiere aus ihrem Opferstatus.<\/p>\n<p>Auch wenn Tier\/Tierproduktkonsumenten oft versuchen, den Veganismus als  pers\u00f6nliche Macke einiger Gutmenschen abzutun, muss hier gesagt werden:  Veganismus hat eine politische, eine herrschaftskritische Dimension und  wird von den Meisten aus politischen Gr\u00fcnden und nicht aus Gr\u00fcnden der  pers\u00f6nlichen Reinheit praktiziert. Veganismus durchbricht die  institutionalisierte Gewalt gegen Tiere und destabilisiert das  gegenw\u00e4rtige Machtverh\u00e4ltnis, das nichtmenschlichen Tieren nicht den  Hauch einer Chance gegen menschliche Nutzungsinteressen l\u00e4\u00dft. Die  Kostverweigerung ist ein Teil der \u00dcberwindung der \u00fcberdimensionalen  Gewalt in Mastfabriken und Schlachth\u00f6fen. Der t\u00f6tende Blick &#8212; Die vorbereitende Gewalt gegen Tiere<\/p>\n<p>Die \u00dcberwindung der Gewalt gegen Tiere muss in den K\u00f6pfen beginnen. Denn  die reale Gewalt gegen Tiere hat ihre Ursache in einer vorbereitenden,  konzeptionellen Gewalt. Der Tod eines Schweins ist schon beschlossene  Sache, bevor der Schlachter es umgebracht hat. Das Schwein ist Fleisch,  bevor es zerst\u00fcckelt auf dem Teller liegt. Es ist der Schnitt in den  Hals und die Kategorisierung als Schlachtvieh, die das Schwein t\u00f6tet. Es  ist also bereits unser Blick auf ein Tier, der \u00fcber dessen Leben oder  Tod entscheidet. Unsere Einteilung von Tieren in  N\u00fctzlichkeitskategorien, in Schlachtvieh oder Mastvieh, ebnen ihren Weg  in den Tod. Das Schlachten eines Schweins ist kein Ausrutscher, kein  zuf\u00e4lliges, \u00fcberraschendes T\u00f6ten, sondern gewolltes, bewu\u00dftes,  ideologisch legitimiertes geplantes T\u00f6ten. Ein T\u00f6ten, das im Kopf  begann. Ein T\u00f6ten, das mit dem Blick begann, mit dem das Tier angesehen  wurde, in welche Kategorie es gesteckt wurde. Hier zeigt sich, dass  Blicke tats\u00e4chlich t\u00f6ten k\u00f6nnen. Die Beziehung von Mensch und Nutztier  ist grunds\u00e4tzlich eine Beziehung der Gewalt. Die meisten  nichtmenschlichen Tiere in unserer Gesellschaft werden  instrumentalisiert und als Schlachtvieh, Versuchstier, Pelztier usw.  benannt. Doch dagegen mu\u00df gesagt werden: Ein Schwein ist nicht Fleisch,  sondern wird zu Fleisch gemacht. Ein Beagelhund ist kein Versuchshund,  sondern wird zum Versuchshund gemacht. Ein Nerz ist kein Pelztier,  sondern wird zum Pelztier gemacht. Die Benennung der Tiere nach ihrer  Nutzbarkeit f\u00fcr den Menschen hat nichts mit ihrem Sein, sondern dem  Bewu\u00dftsein von Menschen zu tun (G\u00fcnther Rogausch). Dieser Blick auf die  Tiere ist ein soziales Konstrukt. Animal Liberation (Befreiung der  Tiere) bedeutet die Aufhebung dieser Instrumentalisierung  nichtmenschlicher Tiere; Animal Liberation bedeutet die Durchbrechung  der Definition nichtmenschlicher Tiere \u00fcber ihre Nutzbarkeit f\u00fcr den  Menschen. Echte Solidarit\u00e4t mit nichtmenschlichen Tieren bedeutet, K\u00fche,  Schweine, H\u00fchner, Puten und viele andere tierliche Individuen nicht als  Schlachttiere zu stigmatisieren. Das muss besonders gegen\u00fcber der  heuchlerischen, pseudo-tierlieben Gesellschaft gesagt werden: Das  eigentliche Vergehen an Tieren besteht nicht in bestimmten  Haltungsbedingungen oder Schlachtmethoden, sondern in der  grunds\u00e4tzlichen Kategorisierung von Tieren in Nutz- und Schlachttiere,  in der Legitimation ihrer Benutzbarkeit. Will man diese konzeptionelle  Gewalt gegen Tiere bek\u00e4mpfen, mu\u00df man vor allem auch kritisch mit der  Sprache umgehen.<\/p>\n<p><strong>Die Rhetorik von Fleisch<\/strong><\/p>\n<p>Die g\u00e4ngige Sprache verr\u00e4t an vielen Stellen den ver\u00e4chtlichen Blick auf  Tiere (z.B. viele Schimpfw\u00f6rter). Am meisten Ideologie steckt aber in  der Rede vom Fleisch. Es wird nicht von zubereitetem K\u00f6rperteil oder gar  Leichenteil gesprochen. Die Rede von Fleisch erweckt den Eindruck, als  l\u00e4ge etwas und nicht jemand auf dem Teller. Das ist ein bewu\u00dfter  rhetorischer Vorgang, der die Gewalt und das Unrecht verschleiert.  Fleisch ist nur noch ein Objekt, kein Subjekt mehr. Fleisch hat keinen  eigenen Willen mehr. Fleisch dient nur noch dazu, den Gaumen eines  Menschen zu kitzeln. Mit der Rhetorik von Fleisch wird der gewaltsame  Tod des nichtmenschlichen Tieres wegdefiniert. Der Begriff Fleisch macht  die nichtmenschlichen Tiere unkenntlich und unsichtbar, genau wie die  Zubereitungsart von Fleisch als Hamburger, W\u00fcrstchen oder Nugget. Die  Rhetorik von Fleisch verdeckt die brutale Entstehungsbedingung, dass  n\u00e4mlich ein einzigartiges und unverwechselbares nichtmenschliches Tier  get\u00f6tet wurde. Weder die Sprache, noch das Produkt, nichts erinnert mehr  an das nichtmenschliche Tier und seinen Tod. Die wahre Identit\u00e4t des  Tieres ist in der Warenidentit\u00e4t des &#8222;Fleisches&#8220; vollkommen verh\u00fcllt  worden (G\u00fcnther Rogausch).<\/p>\n<p>Dieser kurze Exkurs zur tats\u00e4chlichen und vorbereitenden Gewalt gegen  nichtmenschliche Tiere in unserer Gesellschaft, die mit Hilfe der  Sprache unsichtbar gemacht wird, sollte zeigen, dass die Gewalt gegen  Tiere hierzulande keine Ausrutscher oder bedauernswerte Einzelf\u00e4lle  sind, sondern institutionalisiert und systematisch ist. Nicht Tierliebe,  sondern Tierqual ist das Normale in unserer Gesellschaft. Dieser Exkurs  versucht eine Antwort auf die Anfangsfrage, warum normale Menschen  schizophren ihre Katze streicheln und gleichzeitig Kotelett schneiden  k\u00f6nnen. Dieser Exkurs sollte zeigen, dass f\u00fcr eine wirkliche Befreiung  der Tiere, Anstand und Tierschutz nicht ausreichen. Es mu\u00df ein Denken \u00fcberwunden werden, das Tiere aufgrund ihrer  nichtmenschlichen Spezieszugeh\u00f6rigkeit diskriminiert. Es mu\u00df eine  Sprache \u00fcberwunden werden, die den Opfer- und Nutzbarkeitsstatus  nichtmenschlicher Tiere festschreibt und die Gewalt gegen sie  verschleiert. Und es mu\u00df eine Ern\u00e4hrungsgewohnheit \u00fcberwunden werden,  die um eines kurzen Gaumenkitzels willen Gewalt und Tod \u00fcber empfindende  und unverwechselbare Individuen bringt.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Analyse muss gr\u00fcndlich, der Ansatz radikal und die Praxis konsequent  sein. Nur so bleibt man nicht in der Schizophrenie unserer Gesellschaft  in Bezug auf den Umgang mit Tieren stecken. Nur so destabilisiert und  delegitimiert man wirklich das gewaltt\u00e4tige Unterdr\u00fcckungssystem, in das  die nichtmenschlichen Tiere hineingezwungen werden.<\/p>\n<p>Doch bei aller Reflexion darf das Wichtigste nicht vergessen werden: der  Respekt vor jedem einzelnen Tier, an den wir durch Skrupel und unser  Gewissen erinnert werden. Dieser Respekt verbietet uns, uns zu  irgendeinem Zwecke am Ergehen und Leben eines Tieres zu vergreifen.<\/p>\n<p>G\u00fcnther Rogausch beschlie\u00dft seinen wegweisenden Aufsatz (Innerhalb einer  Kultur des Schlachthofs &#8212; Jenseits von Fleisch) mit einem Fazit, an  das wir uns dranh\u00e4ngen wollen:<\/p>\n<p><em>&#8222;Auch zu dem Zeitpunkt, wo ich beschlo\u00df &#8218;Ich esse keine Tiere!&#8216; habe  ich die Pers\u00f6nlichkeit der Tiere nicht auf bestimmte Faktoren reduziert  oder sie mit der Pers\u00f6nlichkeit von Menschen verglichen [&#8230;] Ich setze  mich nicht f\u00fcr nichtmenschliche Tiere ein, weil sieso sind wie wir.  Nein, \u00fcber Reflexion bin ich wieder dahingekommen, mich aus dem einen  simplen Grund, den ich als Kind vermutlich genannt h\u00e4tte, und der mich  sp\u00e4ter dazu bewog, kein &#8218;Fleisch&#8216; zu essen, zu engagieren: Weil sie sie  sind!&#8220; <\/em><\/p>\n<p><strong>Stefan Seidel, Antispegruppe Leipzig<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Text erschien zuerst als Artikel f\u00fcr den Reader der  Global-Space-Odysee, sp\u00e4ter in der Tierbefreiung &#8211; Das Aktuelle  Tierrechtsmagazin, Nr.52, September 2006.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verachtet, geschlachtet und vergessen \u00dcber den Umgang mit Tieren in unserer Gesellschaft Wie es zur Gewalt gegen Tiere kommt und wie sie \u00fcberwunden werden kann Die Schizophrenie einer tiersch\u00fctzerischen Gesellschaft Unsere Gesellschaft gibt sich tiersch\u00fctzerisch. 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